Wir verurteilen den massiven Polizeieinsatz in der Casa Kuà am 18. Oktober 2026. 38 Polizeikräfte durchsuchten über mehrere Stunden das einzige selbstorganisierte trans*, inter*, queere Community- und Health-Center in Deutschland, das BIPoC (Schwarze, Indigene, People of Color) in den Mittelpunkt stellt, nach verschreibungspflichtigen Hormonpräparaten.1 Zum Zeitpunkt der Razzia fand dort das wöchentliche Treffen der „Dolls“ statt, ein selbstorganisiertes Treffen für transfeminine Personen zur gegenseitigen Unterstützung. Die anwesenden Personen wurden über mehrere Stunden festgehalten, ihre Personalien wurden aufgenommen und ihnen wurde untersagt, ihre Handys zu benutzen.2
Besonders schwer wiegt, dass die Polizei mit diesem Einsatz gewaltsam in einen gemeinschaftlichen, selbstorganisierten Schutzraum für Menschen eindrang, die in ihrem Alltag in vielerlei Hinsicht strukturelle und körperliche Gewalt und Gefährdung erfahren. Zudem stellt die Durchsuchung eines community-organisierten Safer Space und das Festhalten der anwesenden trans* Frauen eine massive staatliche Einschüchterung der trans*, non-binary, inter* und queeren Community, und hier insbesondere von BIPoCs, dar. Wie die Community-Organisationen LesMigraS, ComE In/Migrationsrat Berlin, Gladt, Hydra, ABQueer und TriQ in einer gemeinsamen Pressemitteilung gegen die Kriminalisierung von Casa Kuà und den Dolls vom 22.10.2026 betonen, kann ein derartiger Polizeieinsatz in einem Schutzraum bei mehrfach marginalisierten Personen auch zu Retraumatisierungen führen.3
Seit 2020 setzt sich Casa Kuà für eine bessere Gesundheitsversorgung von trans*, inter*, nicht-binären, queeren Menschen, v.a. BIPoCs, ein. Casa Kuà vertritt einen holistischen Gesundheitsansatz und verbindet beispielsweise Naturheilverfahren, chinesische Medizin und psychosoziale Beratung, die dort angeboten werden. Zusätzlich finden regelmäßige Treffen verschiedener Community-Empowerment-Gruppen statt, beispielsweise das Cancer Care Collective, der Transmasc Tuesday, eine Anti-Psychiatrie-Gruppe, Nada für queere, trans*, inter und nicht-binäre BIPoCs sowie der trans-femme*-Gruppe The Dolls. Casa Kuà hat sich als wichtiger Begegnungs-, Austausch-, Workshop-, Beratungs- und Schutzort für viele Menschen etabliert, die täglich von Gewalt, Marginalisierung und Diskriminierung betroffen sind, an dem insbesondere für mehrfach marginalisierte, von Trans*feindlichkeit, Rassismus und Armut betroffene queere Menschen wichtige Empowerment- und Communityarbeit passiert.
Staatliche Versorgungslücken und die Kriminalisierung queerer Selbstorganisation
Die Razzia offenbart einen grundlegenden Widerspruch: Während das staatliche Versorgungssystem vielen trans* und nicht-binären Menschen – insbesondere jenen, die von Rassismus betroffen, die ökonomisch benachteiligt und ohne Krankenversicherung sind oder keinen oder einen prekären Aufenthaltsstatus haben – systematisch eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung verweigert, werden ausgerechnet jene Selbsthilfe-Strukturen kriminalisiert und unter Druck gesetzt, die versuchen, auf diese staatlich produzierten Lücken zu reagieren. Seit dem Urteil des Bundessozialgerichts (BSG) vom 19. Oktober 2023 (Az. B 1 KR 16/22 R) besteht eine gesetzliche Regelungslücke und eine damit verbundene unzureichende medizinische Versorgung von trans* und nicht-binären Menschen. Seit drei Jahren verabsäumt der Gesetzgeber seine Pflicht, hier verbindliche Regelungen zu schaffen, weshalb viele Mediziner*innen die geschlechtsaffirmative Behandlung von trans* und nicht-binären Personen oft aus Angst vor Regressforderungen der Krankenkassen ablehnen.4 Staatliche Institutionen kommen folglich hinsichtlich der Gesundheit von trans* und nicht-binären Menschen nicht nur ihrem demokratischen Versorgungs-, Schutz- und Antidiskriminierungsauftrag nicht nach (vgl. Stellungnahme des Bundesverband Trans* BVT5). Die Razzia in der Casa Kuà stellt vielmehr einen Versuch dar, genau jene Community-Strukturen und selbstorganisierten Orte zu schwächen, die durch eine fehlende staatliche bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung von trans* und nicht-binären Menschen existenziell notwendig werden.
Kollektive Selbstbestimmung und solidarische Community-Strukturen
Diese Logik, dass es zwar selbstorganisierte Community-Strukturen sind, die auf Lücken im bestehenden Gesundheits- und Sozialsystem antworten, diese aber nicht nur nicht geschützt, sondern bedroht werden, ist aus der Sicht von trans*, queeren, anti-rassistischen Kämpfen nicht neu. Insbesondere in Zeiten der HIV/Aids-Epidemie wurden HIV-positive Menschen vom bestehenden Gesundheitssystem diskriminiert und marginalisiert, während community-basierte Unterstützungsstrukturen kriminalisiert und eingeschüchtert wurden. Die heutige HIV-Medizin und -Versorgung wurde durch den HIV/Aids-Aktivismus von Gruppen wie ACT-UP und der Geschichte des solidarischen Aufbaus eigener Community-Strukturen nachhaltig geprägt. Aktivist*innen kämpften für den Zugang zu medizinischer Behandlung und für ein Ende diskriminierender Gesundheitspolitiken, während sie zugleich eigene Strukturen der Gesundheitsaufklärung, psychosozialen Unterstützung und Pflege aufbauten. Schon damals waren insbesondere queere und trans* BIPoCs Ziel staatlicher Repression. Zugleich aber zeigt gerade die Geschichte dieser Kämpfe auch, dass die Solidarität und kollektive Fürsorgepraktiken, die in diesen Schutz- und Selbsthilferäume praktiziert werden, für mehrfach marginalisierte Menschen (über-)lebenswichtig sind.
In dieser Tradition stehen auch Einrichtungen wie Casa Kuà. Ihre gesellschaftliche Bedeutung erschöpft sich nicht darin, fehlende staatliche Angebote aufzufangen. Sie schaffen Räume, in denen marginalisierte Menschen ihre Bedürfnisse selbst artikulieren, Wissen über ihre Körper austauschen und die Bedingungen ihrer Unterstützung und Versorgung selbstorganisiert und/oder partizipativ gestalten können.
Die Geschichte queerer und trans* Selbstorganisation macht zugleich deutlich, dass solche Strukturen nicht romantisiert oder als kostengünstiger Ersatz öffentlicher Gesundheitsversorgung vereinnahmt werden dürfen. Vielmehr braucht es beides: eine umfassende, diskriminierungsfreie und öffentlich abgesicherte Gesundheitsversorgung für alle sowie den Schutz und die nachhaltige Unterstützung autonomer Community-Infrastrukturen. Öffentliche Verantwortung und kollektive Selbstbestimmung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Autoritäre Verschiebungen: Angriffe auf die Bedingungen queeren Lebens
Die Razzia in der Casa Kuà findet in einer Gegenwart statt, in der trans*feindliche, queer-feindliche und rassistische Diskurse, Narrative und Politiken nicht nur von autoritär-rechten und rechtsextremen Akteur*innen massiv vorangetrieben, sondern auch in Allianz mit konservativen und anderen politischen Kräften durchgesetzt werden.
Diese zielen ganz grundsätzlich auf die Einschränkung oder Zerstörung der rechtlichen, institutionellen und sozialen Bedingungen, die trans*, inter*, queere und nicht-binäre Lebensweisen in ihren intersektionalen Verschränkungen mit race, Klasse, nationalstaatlicher Zugehörigkeit ermöglichen und stützen. Das zeigt sich global unter anderem in Revisionen der rechtlichen Anerkennung und in der Streichung der Finanzierung der trans* Gesundheitsversorgung wie bspw. in den USA, in Ungarn oder in der Türkei, sowie in entsprechenden Bestrebungen rechter und konservativer Kräfte auch in Deutschland. Es wird ebenso deutlich in Anti-Migrationspolitiken sowie der Forderung nach und teilweisen Umsetzung von ‚rosa Listen‘, der Speicherung früherer Geschlechtseinträge im Melderegister und deren Übermittlung an Sicherheitsbehörden.6 Nicht zuletzt zeigt es sich auch in der Schwächung von solidarischen und selbstorganisierten antirassistischen, queeren, trans*, inter* und nicht-binären Unterstützungsstrukturen, etwa durch die Umstrukturierung von Förderprogrammen (wie im Fall von „Demokratie leben“) bis hin zum Entzug staatlicher Förderung (wie etwa im Fall des queeren Jugendnetzwerks Lambda). Insbesondere rechtsextreme, neonazistische Akteur*innen und Organisationen setzen darauf, entsprechende Unterstützungsstrukturen explizit zu diffamieren, zu bedrohen und auch physisch anzugreifen.7
Vor diesem Hintergrund und in diesem Kontext erweist sich die polizeiliche Durchsuchung der Casa Kuà als besonders perfide, da sie – anstatt trans*, inter*, queere, migrantische und BIPoC-Community-Orte angesichts der aktuellen Bedrohungslage zu stärken und effektiv vor Diffamierung und Gewalt zu schützen – selbst eine weitere gewaltsame Bedrohung und Einschüchterung solcher Strukturen bedeutet.
Nicht nur wird hier einmal mehr sichtbar, wie schal die Bekenntnisse zum „Schutz queeren Lebens“ waren, die nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin im Sommer 2026 vielerorts zu hören waren. Vielmehr zeigt sich auch die Notwendigkeit, den Versuchen der Einschüchterung und Zerstörung von selbstorganisierten Strukturen vehement entgegenzutreten, denn es sind gerade diese selbstorganisierten Strukturen, die für eine plurale Demokratie notwendig und unabdingbar sind, die das Leben, die Gesundheit und Selbstbestimmung aller ermöglichen und schützen möchte.
Als Wissenschaftler*innen setzen wir uns seit vielen Jahren mit Fragen der Demokratie und ihrer Grundwerte wie Partizipation, gesellschaftlicher Teilhabe und Gerechtigkeit sowie den Bedingungen für eine plurale Zivilgesellschaft, wirksamen Diskriminierungs- und Gewaltschutz und Selbstbestimmung aller Menschen auseinander. Mit großer Besorgnis und Empörung verurteilen wir die Durchsuchung und Kriminalisierung der Casa Kuà und den Dolls und den damit einhergehenden Angriffen auf solidarische und selbstbestimmte Unterstützungsstrukturen und auf eine bedarfsgerechte Gesundheitsversorgung für trans* und nicht-binäre Menschen. Wir fordern daher:
- Ein Ende der rassistischen und trans*feindlichen Kriminalisierung und Einschüchterung solidarischer Unterstützungsstrukturen und Community-Orte.
- Die Gewährleistung einer bedarfsgerechten, niedrigschwelligen und diskriminierungssensiblen Gesundheitsversorgung für alle trans*, inter*, nicht-binären und queeren Personen.
- Die Förderung, Unterstützung und Stärkung von selbstbestimmten Community-Orten als notwendigen Teil und Bedingung von Demokratie.
- Ein entschiedenes Vorgehen gegen institutionellen Rassismus, Trans*feindlichkeit und die politische Delegitimierung queerer Lebensweisen
Unsere Solidarität gilt den „Dolls“, der Casa Kuà
Casa Kuà ist im Prozess der rechtlichen Anfechtung dieser Kriminalisierung und sammelt dafür Spenden.
Jetzt spenden auf GoFundMeGezeichnet durch
(alphabetische Reihenfolge)
- Prof. Dr. Tamás Jules FüttyUniversität Klagenfurt
- Prof. Dr. Mike LaufenbergHochschule Fulda
- Prof. Dr. Gundula LudwigUniversität Innsbruck
- Prof. Dr. Yv NayHumboldt-Universität zu Berlin
- Prof. Dr. Utan SchirmerAlice Salomon Hochschule Berlin